Vollzeit oder Teilzeit?

Es ist Freitag…heute habe ich frei. Endlich Wochenende für mich! Seitdem ich wieder in Teilzeit arbeite, geht es mir viel besser. Ich bin wieder etwas ruhiger geworden und kann mir endlich wieder mehr Zeit nehmen, für die Dinge, die mir gut tun. Ich habe einen ganzen Tag in der Woche nur für mich allein. Das ist schon ein ziemlicher Luxus. Aber das war nicht immer so.

Noch vor einigen Jahren habe ich mich, wie die meisten von uns, in einem Vollzeitjob befunden.

5-Tage-Woche, 39 Stunden (oder mehr) und täglich 30 Minuten Pause. Für Menschen, die nicht hochsensibel sind, klingt das vielleicht erstmal völlig normal. Ich habe mich auch schon mit Leuten unterhalten, die angeblich gar keine Pausen machen oder nur mal eben zwischen zwei Aufgaben schnell etwas essen und sich dann wieder an die Arbeit setzen. Für mich klingt das schrecklich! Aber auch mir erging es oft so: Keine Zeit für Pausen und zu viel zu tun! Das Problem bei der Sache war aber, dass ich mich über die Arbeitswoche so verausgabt hatte, dass ich am Wochenende völlig fertig war. Meine Akkus waren bis auf den letzten Tropfen leer…und das meistens schon in der Mitte der Woche. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das bis zur Rente durchhalten sollte.

Also habe ich es mit einem Jobwechsel versucht.

Weg von dem ganzen Stress! Leider erging es mir im neuen Job nach kurzer Zeit genau so.  Als ich nach einem Jahr in meiner neuen Anstellung wieder an dem Punkt angelangt war, alles hinter mir zu lassen, suchte ich das Gespräch zu meiner damaligen Vorgesetzten. Wir vereinbarten, dass ich erstmal meine Stunden reduzieren sollte. So arbeitete ich 6 Monate lang an drei vollen Tagen in der Woche. Ich merkte, dass es mir zunehmends besser ging. Nach einem halben Jahr war ich soweit, wieder einen Tag hinzu zu nehmen.  Mit der 4-Tage-Woche kam ich sehr gut zurecht.

Ich hatte genug Zeit für meine Aufgaben und dennoch ausreichend Zeit für Erholung. 

Schließlich sind wir in eine andere Stadt gezogen und ich habe wieder den Arbeitgeber gewechselt. Aufgrund der Personalsituation konnte ich meine Stelle nur in Vollzeit antreten. Ich sprach bereits zu Beginn meiner Anstellung relativ offen darüber, dass ich plane, meine Stunden wieder etwas zu reduzieren. Dies gelang mir zum Glück auch. Nach einem Jahr in der Vollzeit Tätigkeit, habe ich schnell wieder meine Grenzen kennengelernt. Mittlerweile habe ich es geschafft ein Arbeitspensum für mich zu finden, dass mich nicht mehr überfordert. Ich arbeite momentan vier Tage am Stück und habe dann drei Tage frei.

Der Freitag ist jetzt mein Ruhetag, an dem ich mich von der Woche erholen kann – nur für mich allein.

Das brauche ich auch, da ich in meinem Beruf den ganzen Tag mit Menschen zu tun habe, mir ihre Sorgen anhöre, Spannungen aushalte und Konflikte entschärfe. Dabei versuche ich für alle gleichermaßen da zu sein. Dieser Spagat ist oft sehr Kräfte zehrend. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mich in verschiedene Teile aufsplitten, um alles zu schaffen. An solchen Tagen, versuche ich dennoch mir bewusst kleinere Auszeiten zwischendurch zu nehmen. Dann gebe ich mir selbst die Erlaubnis etwas vom Gas runter zu gehen. Außerdem fällt es mir mittlerweile auch nicht mehr so schwer nach Hilfe zu fragen oder meinen Kolleg/-innen mitzuteilen, wenn mir etwas zu viel wird. Meine Termine lege ich mir so, dass ich dazwischen genügend Zeit habe, um das Erlebte sacken zu lassen. Auch Montag früh um 8 Uhr lege ich mir keine Termine mehr, denn diese Zeit nutze ich gerne, um mir einen Überblick über die kommende Woche zu verschaffen.

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in einem Vollzeit Angestelltenverhältnis arbeiten werde.

Ich bin aber auch davon überzeugt, dass dieses Arbeitsmodell einfach nicht für jeden von uns geeignet ist. Ich habe einige Jahre gebraucht, um das alles für mich zu akzeptieren. Lange Zeit habe ich gedacht, ich sei nicht belastbar genug oder zu labil. Ich habe immer wieder meine Berufswahl und mich selbst in Frage gestellt. Mittlerweile sehe ich die Sache etwas anders. Wir haben alle individuelle Bedürfnisse. Und gerade hochsensible Menschen haben ein besonders hohes Bedürfnis nach Ruhephasen und Regeneration. Ich bin stolz, dass ich auf meine Bedürfnisse gehört habe und mir das eingefordert habe, was ich brauche, um gesund und ausgeglichen zu bleiben und wünsche mir für dich, dass du das auch schaffst.

2 Kommentare zu „Vollzeit oder Teilzeit?

  1. Deinen Blog zu lesen tut mir gerade so gut!! Ich bin zur Zeit auf Jobsuche und beschäftige mich erst seit kurzem mit dem Thema Hochsensibilität. Ich gehöre definitiv zu den hochsensiblen Personen, bin Sozialarbeiterin und habe die gleichen Sorgen 🙈 Ich hoffe es zu schaffen einen Job zu finden in dem ich glücklich bin und die positiven Seiten für meine Ziele in der Arbeitswelt nutzen zu können.

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