Abgrenzung und Achtsamkeit

Mir schwirrt der Kopf. So viele Dinge, an die ich denken muss und die mich beschäftigen. Ich merke, dass ich innerlich unruhig bin, obwohl es äußerlich gerade keine Ursache dafür gibt. Meine Gedanken driften immer wieder ab. Mir fällt es schwer, zur Ruhe zu kommen und mich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Aber genau das ist es, was ich jetzt brauche. Langsam machen, runter fahren, eines nach dem anderen tun und zwischendurch einfach mal innehalten. 

Viele Dinge, die mich beschäftigen, sind gar nicht meine eigenen Probleme.

Im Alltag und auch auf der Arbeit gerate ich ständig in Situationen, bei denen andere Menschen bei mir Trost und Zustimmung  suchen, oder sich einfach mal so richtig über eine Sache auslassen wollen. Bereits als Kind und Jugendliche ist mir aufgefallen, dass selbst Erwachsene bei mir eine Art emotionalen Beistand gespürt und das Gespräch zu mir gesucht haben. Auf diese Weise bin ich häufig den Emotionen anderer Menschen unmittelbar ausgesetzt. Das klingt zunächst so, als ob ich dem Ganzen hilflos ausgeliefert wäre. Als Kind hat es sich tatsächlich so angefühlt, da ich noch nicht in der Lage war meine eigenen Gefühle von denen der anderen Menschen zu unterscheiden. Waren andere traurig, hat mich das auch traurig gemacht. Anstatt Mitgefühl zu haben, habe ich Mitleid gespürt und automatisch mit dem anderen gelitten. 

Auch heute fällt es mir häufig noch schwer mich gut genug abzugrenzen.

Es gibt Situationen, in denen die Gefühle der anderen mit meinen eigenen verschwimmen. Ich habe mich schon oft mitreißen lassen, ohne dass es mir in diesen Momenten aufgefallen ist. Erst hinterher merke ich, dass ich mich wie überrollt fühle, oder wie eine ausgequetschte Zitrone. Dabei ist niemand anderes Schuld daran, als ich selbst. Es ist meine Aufgabe und in solchen Momenten auch meine Verantwortung, mich von den Emotionen meines Gegenübers abzugrenzen. Wenn mir etwas zu viel wird, muss ich es sagen. Wenn ich das Gefühl habe, in etwas hineingezogen zu werden, was mir nicht gut tut, muss ich es kommunizieren.

An diesen Punkt kann ich aber erst kommen, wenn ich meine eigenen Gefühle bewusst wahrnehmen und zuordnen kann.

Als empathischer und hochsensibler Mensch ist das aber gar nicht so einfach, da die Grenzen häufig nicht ganz klar sind. Die gute Nachricht ist, man kann es üben. Mit Achtsamkeitstraining lenke ich im Alltag immer wieder meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper: Wie geht es mir? Was fühle ich in diesem Moment? Wie ist mein Atem? Was fühle, höre, schmecke, rieche und sehe ich?

Mit allen Sinnen wahrzunehmen, fällt uns in unserer digitalen Welt immer schwerer. Wir sind ständig von äußeren Reizen umgeben und suchen bewusst die Ablenkung. Auf diese Weise muss man sich nicht mit seinen unangenehmen Gefühlen und Gedanken auseinander setzen. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich das Handy zur Hand nehme, wenn ich gerade nichts zu tun habe. Dabei bieten sich solche Momente im Alltag ständig an, in denen man einfach mal innehalten und in sich hineinspüren kann: Wartezeiten an der Kasse, am Bahnhof oder im Café, der Moment nach dem Aufwachen oder kurz vor dem Einschlafen.

Seitdem ich mich mehr darauf konzentriere, achtsamer durch den Tag zu gehen, sehe ich jede rote Ampel als eine Möglichkeit kurz inne zuhalten und mich zu fragen: Wie geht es mir? Genauso, wie wir andere Menschen fragen, wie es ihnen geht, sollten wir uns das auch täglich fragen. Es ist nicht die Aufgabe der anderen zu wissen, was ich jetzt brauche. Es ist mein Job auf mich zu achten und mich auf eine gesunde Weise abzugrenzen.

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