Brauchen wir eine emphatischere Arbeitswelt?

Ich persönlich finde: ja, unbedingt! Wofür arbeiten wir denn eigentlich? Für das liebe Geld? Für den Erfolg, der meistens mit Geld gleichgesetzt wird? Für den Beifall und die Anerkennung von außen? Um mich selbst zu verwirklichen und die Ellenbogen auszupacken? Für den Wettkampf, den Gewinn…? Ich persönlich finde, dass diese Gründe alleine nicht ausreichen können. Ich möchte mit meiner Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag leisten, mich kreativ ausdrücken und einen Unterschied in der Welt machen – auch wenn er noch so klein ist.

Wir HSP haben oft einen etwas altruistischeren Ansatz, was das Thema Arbeit angeht. Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen. Wir treten daher mit einer sehr idealistischen Haltung und hohen Wertvorstellungen an die Frage, warum wir eigentlich arbeiten. Natürlich muss ich auch meine Brötchen verdienen, meine Rechnungen bezahlen und für meine Familie sorgen. Ein Faktor, den wir aber dabei nicht vergessen sollten, ist die Sinnhaftigkeit beim Tun.

Leider treffen wir in der Realität häufig auf eine Arbeitswelt, in der völlig andere Werte zählen, als unsere eigenen.

Was passiert aber, wenn zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aufeinander treffen? Hier sind Frustration und Konflikte vorprogrammiert. Als angepasster und Harmonie liebender Mensch, der ich bin, fand dieser Konflikt vor allem in mir selbst statt. Nur sehr wenig davon ließ ich Anfangs nach Außen durchblicken. Schließlich wollte ich nicht negativ auffallen. Auf diese Weise verstellte ich mich und setzte eine Maske auf. Nach Außen wirkte es zunächst alles ganz normal. Aber in meinem Inneren brodelte es. Ich fühlte mich mir selbst so fremd, wie noch nie.

Wie in einem Teekessel, der langsam auf Temperatur kommt, stieg der innerliche Druck allmählich an. Es gab zwei Möglichkeiten: Explodieren oder innerlich implodieren. Egal wie, beides waren keine annehmbaren Alternativen für mich. Es musste sich dringend etwas ändern! Mit viel Mut, den ich zusammenkratzte, sprach ich das Thema dann bei meinem Arbeitgeber an. Die Reaktion? Unverständnis…wovon sprach sie da eigentlich? Es lief doch alles gut…oder nicht?!

Ich fragte mich jeden Tag, wofür ich mir das alles eigentlich antat.

Mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Jahr das verstrich (dazwischen hier und da ein verzweifelter Jobwechsel) plagte mich die Sinnfrage immer häufiger. Das Problem war, dass ich immer wieder dieselben Erfahrungen machte. Warum? Weil ich nichts an meinem Verhalten änderte. Ich versuchte es weiterhin immer allen anderen um mich herum Recht zu machen, außer mir selbst. Bis irgendwann der Knoten endgültig platzte. Ich erkannte mich selbst nicht mehr wieder.

Ich hatte mich von mir selbst total entfremdet, sodass ich nicht mehr wusste, was ich eigentlich wollte. Ich fing an, mich wieder mehr mit mir selbst auseinanderzusetzen und merkte schnell, dass ich nach meinen eigenen Werten arbeiten wollte. Ich wünschte mir, dass meine Arbeit wertgeschätzt würde, wenn ich sie so umsetze, wie ich es für richtig halte. Ich wollte mich selbst in meiner Arbeit wieder erkennen, anstatt den Erwartungen anderer zu entsprechen.

Ich wollte einen Unterschied machen und mir dabei selbst treu bleiben!

Aber geht das überhaupt, wenn um einen herum alles anders herum tickt, als man selbst? Meine Erfahrung zeigt: Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Ich habe zunächst bei mir selbst angefangen und mich gefragt, was mir persönlich wichtig ist bei der Arbeit: ein wertschätzender Umgang miteinander, Hilfsbereitschaft, offene und ehrliche Kommunikation, Entscheidungsfreiheit und kreative Freiräume. Aber vor allem wollte ich das Gefühl haben, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen.

Füreinander da zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen, zuzuhören was der andere zu sagen hat und das ernst zu nehmen. Das bedeutet es für mich, eine empathischere Arbeitswelt zu schaffen. Ein Mit- statt Gegeneinander und weg von der „Ellenbogen-Mentalität“, die unsere Leistungsgesellschaft für uns erschaffen hat. Dafür braucht es in meinen Augen vor allem empathische Führungskräfte, die das Potential in ihren feinfühligeren Mitarbeitern sehen und es fördern.

Damit wir für unsere Werte einstehen können und uns so zeigen dürfen, wie wir sind.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich, je mehr ich meine Bedürfnisse bei der Arbeit berücksichtige und nach meinen eigenen Werten lebe, insgesamt produktiver und leistungsfähiger bin. Natürlich setzt das voraus, dass mein Arbeitgeber mir das auch zusteht und mich darin unterstützt bzw. es zumindest nicht versucht zu verhindern. So habe ich mich zum Beispiel bewusst für eine Teilzeitbeschäftigung entschieden. Auf diese Weise habe ich auch in meiner Freizeit noch genügend Freiräume und Zeit für ausreichend Regeneration und Erholung. Ich helfe gerne anderen, habe aber auch gelernt um Hilfe zu bitten, wenn sie nötig ist. Ich spreche Aspekte immer häufiger an, die sich nicht richtig anfühlen und habe mir vorgenommen künftig nicht mehr zu lange damit zu warten. Ich möchte, dass meine Arbeit mit meinen eigenen Wertvorstellungen übereinstimmt und setze mich daher für eine empathischere Arbeitswelt ein. Auf diese Weise gebe ich meiner Arbeit einen tieferen Sinn, weil ich sie selbst wieder mehr wertschätzen kann.

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